Klein – aber fein

100 Jahre Lechgau-Trachtenverband

Mit dem Beginn der Industrialisierung sahen die Menschen in Bayern ihre alten Traditionen verloren gehen. Deshalb fand die Trachtenbewegung auch entlang des Leches schnell Anhänger. Mehr als 100 Jahre sind inzwischen vergangen und bei den heutigen Schlagworten Globalisierung, weltweite Kommunikation oder Multi-Kultur ist es für heimatverbundene Menschen noch wichtiger, die traditionellen Werte zu pflegen.

 

Im Gasthaus „Blaue Traube“ in Schongau finden sich am 10. Mai 1908 sieben Trachtenvereine ein und gründen den Lechgauverband. Der Betriebsleiter Rasp wird zum Gauvorstand bestimmt, doch schon nach vier Monaten wird er beim ersten Gründungsfest in Schongau vom Apotheker Steinmetz abgelöst. Das zweite Lechgaufest findet 1909 in Steingaden statt und wieder gibt es bei der damit verbundenen Gauversammlung einen Vorstandswechsel. Der Distrikttierarzt Hans Meissner aus Steingaden übernimmt erstmals für einen längeren Zeitraum die Führung. Zu einem besonderen Ereignis sollte das fünfte Lechgau-Verbandsfest in Hohenpeißenberg werden. Festleiter Hieronymus Schleich entwirft das Gauemblem und schreibt ein Theaterstück zum „Treueschwur auf dem Hohen Peißenberg“. Eine 2000 Personen fassende Festhalle wird am Fusse des Bayerischen Rigi´s errichtet, doch an den Festtagen zu Pfingsten macht ein ungewöhnlicher Kälteeinbruch allen Einsatz zunichte.

 

Nach dem ersten Weltkrieg übernimmt Xaver Baudrexl aus Hohenpeißenberg im Jahr 1920 den Gauvorsitz. Es kommen zahlreiche neue Trachtenvereine von Augsburg bis Füssen hinzu, sodass ein Gaubeschluss 1924 die untere Grenze bei Landsberg festlegt und in der Folge alle Vereine lechabwärts (mit Ausnahme von Neu-Ulm) zu anderen Gauen wechseln. Schon im Jahre 1921 wird das Sachgebiet der Gauvorplattler eingeführt, das mit zahlreichen Erfolgen bei offenen Wertungsplatteln, Teilnahme an den Eröffnungsfeiern zu Olympia oder der Fußball-WM und in jüngster Zeit den Siegen beim „Bayerischen Löwen“ aufwarten kann. Bei der Gründung der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände ist der Lechgau im Jahr 1925 mit dabei. Als man 1927 mit dem Heimat- und Trachtenboten ein eigenes Sprachrohr ins Leben ruft, erkennt auch der Lechgau schnell die Chance und beruft 1928 den ersten Gaupressewart.

 

Nach den Wirren des zweiten Weltkrieges steht wieder ein Vorstandswechsel an, Peter Bader aus Peiting übernimmt die Führung und der Sitz des Verbandes wird endgültig zum ältesten Verein Hohenpeißenberg verlegt. Eine Besonderheit des Lechgaues sind die vielen, starken Männerchöre, die sich schon im Jahr 1950 zu einem ersten Gausingen versammeln. Das dazugehörige Sachgebiet Volksmusik wird 1974 gegründet und hat sich inzwischen mit zahlreichen Seminaren, Jugendsingen, Hoagarten oder Adventsingen zu einem weiteren Schwerpunkt im Lechgau ausgedehnt. Um bereits die Jugend für die Trachtensache zu begeistern, wird im Jahr 1969 das Amt des Gaujugendvertreters eingeführt. Heute sind rund 1000 Kinder und Jugendliche im Lechgau engagiert, die vom maskierten Volkstanz über Wertungsplatteln, Jugendtag bis hin zu Bildungsmaßnahmen eine Vielzahl an Aktivitäten haben.

 

Im Jahr 1970 übernimmt Ludwig Widmann aus Peiting die Verbandsführung, der auch als Schriftführer bei den Vereinigten bayerischen Trachtenverbänden tätig ist. Höhepunkt seines 20-jährigen Wirkens ist der 80. Geburtstag des Lechgauverbandes mit der Herausgabe einer umfangreichen Gauchronik. Er verwirklicht auch den Wunsch nach einer Gaustandarte, die beim Lechgaufest 1991 in Hofstetten geweiht wird.

1985 wird das Sachgebiet des Trachtenpflegers eingeführt, daneben gehören seit 1994 die Gaudirndlvertreterinnen, seit 2002 der Blasmusikbeauftragte und seit 2003 das Sachgebiet Mundart, Brauchtum und Laienspiel sowie der Internetbeauftragte zum Gauausschuss.

 

 

Das Zepter über dieses breite Spektrum an Aufgaben übernimmt 1990 Florian Echtler aus Steingaden, unter dessen Leitung der Lechgau viele Erfolge vorweisen kann. Gleich zu Beginn tagen 1991 die Trachtler aus ganz Bayern in Peiting, das 90-Jährige wird 1998 mit einem Festakt in Hohenpeißenberg gefeiert und die Plattler können siebenmal den "Bayerischen Löwen" gewinnen. Die Jugend des Lechgaues gab die Trophäe dieses überregionalen Wertungsplattelns noch gar nie aus der Hand. Zu einem Festjahr mit vielen Vereinsjubiläen und der Herausgabe des Bildbandes "Nei´gschaugt in Lechgau" wird das 100-Jährige im Jahr 2008. Höhepunkt ist das große Freilichtspiel „Feuer und Flamme – Bauernaufstand anno 1525“, das nach der Vorlage des Theaters aus dem Jahre 1912 den Treueschwur auf dem Hohen Peißenberg aufleben lässt und mit fast 4000 Besuchern ein großer Erfolg wird. Gleich im Jahr darauf hält der Bayerische Trachtenverband wieder seine Tagung im Lechgau, diesmal in der schönen Stadt Landsberg.

Bei der Herbstgauversammlung 2012 in Apfeldorf übernimmt Franz Xaver Multerer aus Peiting die Führung des Verbandes.

Mit 19 Vereinen und rund 3400 Mitgliedern zählt der Lechgau zu den kleineren Gauen im Bayerischen Trachtenverband, man könnte beim Blick auf die vielschichtigen Aktivitäten auch sagen, „klein aber fein“.

Rosi Geiger